Asperger

Einleitung

Nachträglich ist es einfach, herauszukristallisieren,
was in meinem Leben anders gelaufen ist, als bei anderen. 

Es wäre überheblich zu sagen, ich hätte immer schon gewusst, dass einmal „etwas Großartiges“ aus mir wird. Wer hätte wohl gedacht, dass ich mehrere Bücher schreibe und gleichzeitig mehrere Sprachen lerne? Jedenfalls kann ich nicht von mir behaupten, dass ich damals, in meiner Kindheit, sehr ambitioniert in diese Richtung gewesen war.

Ich konnte mich zwar für vieles begeistern, was mir einen unglaublichen Vorteil bei Gesprächen einbrachte, da ich bei vielen Themen mitreden konnte, das war jedoch kein Indiz für spätere Größe in diesen Bereichen (also Bücher und Sprachen).

2020 kam überraschend die Asperger-Diagnose. Diese Erkenntnis brachte mir doch etwas Klarheit, nachdem ich verstand, was damit einher geht:

  1. Die soziale Abgeschiedenheit,
  2. die Echolalie,
  3. das Spezialinteresse,
  4. die Hypersensibilität,
  5. der starke Hang zur Routine,
  6. Ironie nicht zu verstehen,
  7. und einiges mehr.

Es gibt so viele Eigenheiten bei Asperger-Autisten und doch ist jeder Einzelne irgendwie unterschiedlich. 

Jedenfalls erklärt mir dies vieles. Wenn man „normal“ (ohne Diagnose) aufwächst, dann nimmt man an, dass man wie jeder andere ist. Man wundert sich dann zumeist, wie die Menschen den Krach in Discos oder zu Sylvester aushalten können, aber geht nicht davon aus, dass man anders ist.

Warum sollte das auch so sein?
Woher sollte man das wissen?

Ich will eigentlich auch nicht zu sehr ins Detail gehen, sondern eigentlich nur feststellen, wie dankbar ich nach der Diagnose war. Nicht unmittelbar danach, denn ich musste erst herausfinden, was das denn jetzt eigentlich bedeutet, aber es gab mir einen Anhaltspunkt und brachte mir vor allem eines: Klarheit.

„Actually I was kind of relieved to find out that there was something wrong with me. It explained why I wasn‘t getting along with the other kids at school.“

Temple Grandin, The Way I See It

Etwas Persönliches…

Sollten Sie mich also einmal persönlich treffen, werden Sie vermutlich feststellen, dass ich mich ein wenig merkwürdig verhalte. Mein begrenzter Blickkontakt ist kein Zeichen von Respektlosigkeit oder von Scheu, dass der Blick abschweift gehört einfach dazu. Ich muss nicht in die Augen sehen, um zuzuhören. 

Der „perfekte sprachliche Ausdruck“, wie er als Asperger-Merkmal von Gillberg aufgezeigt wird, ist mir schon manchmal zum Verhängnis geworden, ich würde mich über andere Leute stellen wollen. Nichts steht mir ferner. Ach und wundern Sie sich nicht über die seltsame Prosodie, wobei sie sich bei mir so äußert, dass ich die Wörter im alltäglichen Sprachgebrauch verschieden betone und zwischendurch Pausen mache. 

Ich bin mir der richtigen Phonetik und Grammatik der Sprache durchaus bewusst; dies ist definitiv kein Zeichen von Unwissenheit. Die richtig formelle Wortwahl ist mir derweil schon so wichtig geworden, dass es mir immer schwerer fällt, Menschen zu folgen, die sich nicht korrekt ausdrücken – von Zweideutigkeiten ganz zu schweigen. Ironie oder Sarkasmus fällt mir, wenn nicht klar eindeutig, überhaupt nicht auf. 

Wenn ich auch nicht verstehe, warum jemand traurig ist, so bin ich doch zu Empathie fähig. Es ist mir auch nicht gleichgültig. Ich bin bedrückt, muss aber nachfragen, was denn los ist, wenn ich es offensichtlich nicht verstehe. Dann wird mir vielleicht sogar vorgeworfen, ich würde mich nicht für die Person interessieren, weil ich sollte ja wissen, warum sie traurig ist. Dann fühle ich mich hilflos.

Wenn ich auch komplexe Aufgaben sehr gerne löse, und mich das Komplizierte interessiert, so wird mein Leben schwer, wenn sich einfachste Tätigkeiten verkomplizieren. Wenn ich plötzlich nicht nach gewohntem Ablauf meinem Tag nachgehen kann, wenn die Auswahl von Speisen in einem Restaurant zur Qual wird, dann würde ich am liebsten um mich schlagen. Das ist wie ein Schock am ganzen Körper. Weglaufen, ja das scheint mir dann angebracht.

Seien Sie mir also nicht böse, wenn ich mich entschuldige, weil es mir zu viel wird.
Ich möchte mich dann nicht erklären.

Ich möchte einfach nur weg.